Customer Journey

Neben den traditionellen Web Analytics Methoden versuchen manche Hersteller im Online Marketing eine neue Analyseform für Werbemittelnutzung, speziell für Displaywerbung, zu etablieren - die „Customer Journey”.

Unbefangene erwarten bei einer Customer Journey die Abbildung von Geschäftsbeziehungen und Überzeugungsgraden, (also den Customer Lifecycle) ergänzt um den Übergang zwischen diesen Zuständen - oder, etwas weniger formell die Antwort auf folgende Fragen:

  • Wieviele Erstkontakte machen wir und wie?
  • Wieviele unserer Besucher können ihr Bedürfnis schon in Worte fassen und warum?
  • Wieviele kennen schon unsere Lösungsangebote, die zu ihren Bedürfnissen passen? Und woher?
  • Wieviele haben bereits erkannt, dass unser Preis-Leistungsverhältnis für sie passt? Was war das wirkungsvolle „Argument”?
  • Wieviele haben neu gekauft?
  • Wieviele verspüren nach einem Kauf/Abschluss bereits ein Folgebedürfnis? Ist es ein neues Bedürfnis oder ein Upsell?

Doch - Ach! - die am Markt befindlichen Customer- Journey-Produkte sagen einem nur, welche verschiedenen Werbemittel(-gruppen) vor einem Kauf in welcher Reihenfolge geklickt wurden. Wenn man “Pech” hat, werden auch noch die Views in diese Werbemittelnutzungspfade eingebaut. Und wenn man ganz viel “Pech” hat - dann bekommt man diese Pfade nicht nur für die Käufe, sondern auch noch für jeden beliebigen Zustand dazwischen.
Doch ich greife voraus - bleiben wir zunächst dabei und verwenden statt dem hochtrabenden Begriff “Customer Journey” den langweiligen Technikbegriff „Werbemittelnutzungspfad”.

Wie funktioniert die Messung des Werbemittelnutzungspfad?

Customer-Journey-Tools messen die Views und Klicks auf Kampagnen in Werbenetzwerken und erlauben somit Analysen über die sogenannten Touchpoints der potentiellen Kunden auf Werbemittel. So können auch die Kampagnen herausgefunden werden, die nicht direkt zur Konversion geführt haben, jedoch an dem Konversionsprozess beteiligt waren.

Die einzige Voraussetzung ist, dass der Nutzer immer mit demselben Endgerät im Netz unterwegs ist und selten seine Cookies löscht. Die Cookie-Lösch-Quote liegt bei ~20%. Aber wer von Ihnen nimmt den Bürorechner mit nach Hause oder verwendet ihn gar zum mobilen Surfen?

Die Ziele der „Customer Journey”-Analysen aus Analystensicht:

  • Die Abbildung des Online-Werbemittelnutzungspfades (der Verlauf sowie Anzahl und Art der Touchpoints auf Werbemittel und -Kanäle)
  • Eine gewichtete Erfolgs- und Kostenverteilung der an der Customer Journey beteiligten Maßnahmen aufzuzeigen
  • Ein besseres Verständnis für die Werbemittelnutzung zu erlangen

Die herkömmliche Erfolgsanalyse betrachtet i. d. R. die reinen First- oder Last-Cookie-Wins-Verteilungen. Diese Sicht ist bei vielen Vermarktern nach wie vor die einzige Sicht für die Abrechnung, sie entspricht aber nicht den Anwenderanforderungen:

  1. Alle Werbekosten lückenlos einzubeziehen
  2. Eine gewichtete Zuweisung von Erfolg und Kosten auf Kanäle/Partner bzw. Werbemittel

Insofern treffen diese Tools durchaus auf ein prinzipielles Bedürfnis.

Anforderungen an Customer Journey Tools

Für den Analysten stellt sich nun die Frage nach der Gewichtung: Ist jeder Touchpoint gleichwertig, oder sind die Letzten bzw. Ersten stärker zu bewerten?

Die Gewichtung pro Touchpoint kann abhängig gemacht werden von der Anzahl und von der Art des Touchpoints. So sind zumeist Views deutlich geringer zu gewichten als Klicks, da Klicks eine aktive Aktion des Kunden darstellen. Der letzte Touchpoint, der letztendlich zur Konversion führt, bekommt i.d.R. die stärkste Gewichtung, oft wird aber auch der Erste als besonders wichtig angesehen. Eine denkbare Gewichtung wäre also 30% des Ertrags gelten als Erfolg für den Erstkontakt, 40% für den letzten und 30% für alle Kontakte. Wie immer in der Kostenrechnung ist aber auch hier die Zuordnung natürlich willkürlich. Ich empfehle daher, sie innerhalb eines Unternehmens und Jahres wenigstens konstant zu halten.

Stärken Customer Journey

  • Komplette Sichten der Touchpoints von einem Device und der Interdependenzen auf Online Marketing-Maßnahmen
  • Relativ einfache Vertaggung auf der Website - alle Landing Pages plus Konversionspunkte.
  • Post View Conversion (nur Display Ads!) wird meist mit abgebildet.
  • Verursachungsgerechte Kostenermittlung der Konversion. Die gewichteten Maßnahmen oder Werbekanäle können mit Ihren Kosten der Konversion gegenübergestellt werden. Voraussetzung: Die Kosten (Fix- und variable Kosten) für die Maßnahme liegen vor und lassen sich eindeutig zuordnen.

Schwächen Customer Journey

  • Customer-Journey-Tools bilden den Werbemittelnutzungspfad pro Device ab. Nutzt ein- und derselbe Kunde mehrere Endgeräte, so wird er pro Endgerät einen Werbemittelnutzungspfad hinterlassen - sofern Cookies das einzige Identifikationsmittel sind. Was sich bei einer „Last Cookie Wins” -Betrachtung naturgemäß weniger stark auswirkt als bei Analysen von Wechselwirkungen.
  • Importe von Stornos, Retouren etc. sind eine Domäne der klassischen Web Analytics Tools
  • Analysen sind nicht möglich 1

Summary

Die derzeitigen Customer-Journey-Tools bieten aus unserer Sicht noch keine kompletten Analysemöglichkeiten auf den Erfolg der Kampagnen. Sie bilden den Werbemittelnutzungspfad ab und liefern somit wertvolle Antworten auf die Frage:

  • Welche Kanäle, Werbepartner und Werbemittel werden bevorzugt genutzt und welchen Beitrag zur Konversion liefern sie?

Aber es bleiben auch einige Fragen unbeantwortet:

  • Ich bediene immer 5 Kanäle und stelle fest, dass 3 Kanäle immer am Erfolg beteiligt sind. Kann ich dann die Schlussfolgerung treffen, mich ausschließlich auf diese 3 Kanäle zu fokussieren?
  • Wie hoch waren die Kosten der Maßnahmen im Bezug zur Konversion?

Fußnoten

Fußnote 1:

Eine Analyse ist aus folgenden Gründen nicht möglich:

1. Datengrab Werbemittelnutzungspfad

Baut man den Werbemittelnutzungspfad auf Basis der einzelnen Trackingcodes auf, indem man sich nicht nur die verwendete Kampagne oder den Kanal sondern tatsächlich das einzelne Werbemittel merkt, so müssen bereits kleine Marketingabteilungen mit nur 20.000 unterschiedlichen Marketing-Links mit rund 20.000³ = 800.000.000.000 verschiedenen Pfaden mit maximal 3 Kontakten rechnen. Bei nur 80.000.000 Einwohnern ist also jeder Pfad der Länge „3″, der von 2 Nutzern verwendet wurde, ein „interessanter” Ausreißer!

Erfasst man aber nur den Kanal oder die Kampagne, so stellt man leider fest,

  • nur für 15% der Nutzer sind zwei unterschiedliche Kanal-Kontakte nachweisbar.
    [Die Direkteingabe inkl. Der Branded-Search sehe ich hier ausdrücklich nicht als Kanal.]
    (Liebe Hersteller, ich erwarte ungeduldig Ihren untermauerten Widerspruch!)
  • die Resultate sind etwas grob. Wer möchte schon auf das gesamte SEM verzichten, weil er die ineffizienten Keyword-Groups nicht erkennt?

2. Kosten-Nutzen-Betrachtungen

Eine Kosten-Nutzen-Betrachtung einer Kampagne ist nur möglich, wenn die gewichteten Erfolge/Erträge einer Kampagne ihren Kosten gegenübergestellt werden. Die Kosten sind aber auf Ebene der Kampagne zumindest für den wichtigen Kanal SEM sehr heterogen. Für alle Kampagnen mit homogener Kostenstruktur bekomme ich neben den Views², Klicks, Umsätzen, Deckungsbeiträgen und „CPO” dann auch „Gewichtete Umsätze” und „Gewichtete CPO”.

3. 7>3 ist keine Analyse

Ein „Customer Journey Tool” mag mich davon abhalten, eine Kampagne abzuschalten, die „viele Vorlagen zu Käufen” geleistet hat. Aber die unter Punkt 2 der Fußnote genannten Kennzahlen werden mir niemals sagen, warum. Es gibt auch keine weiteren Drilldown-Möglichkeiten. Und ich werde auch bis auf weiteres nicht in der Lage sein, nur für Nutzer, die ein bestimmtes Banner gesehen haben, eine bestimmte Keyword-Anzeige zu schalten.

Fußnote 2:

Die Views gibt es natürlich nur für Banner. Für Mails, SEO und SEM sind die Views nicht mess- bzw. verknüpfbar. Wieso soll ich aber die Brandwirkung eines Banners höher bewerten als die einer Keyword-Anzeige? Ist sie wertvoller, nur weil ich sie besser messen kann?


am 24. Januar 2012 unter Analytics, Markt, Technik
5 Kommentare


Kommentare:

  1. Jens Maurer schrieb am 25. Januar 2012:

    Hallo Herr Vosberg,

    guter Eintrag, auch wenn die üblichlichen Device- und Cookieprobleme wieder einmal aufgegriffen werden. Daran arbeitet die ganze Industrie und bei eingeloggten Usern gibt es ja auch keine Probleme diesbezüglich.

    Hinsichtlich der Dauer des Attributionsmodells kann ich Ihnen Recht geben; wir empfehlen auch ca. 1 Jahr. Wichtig ist allerdings m.E. bei einer Gewichtung nicht nur die reine Abfolge der Touchpoints, sondern dies auch noch abhängig von der entsprechenden Trafficquelle. Zum Beispiel kann ein E-Mail-Link an letzter Stelle durchaus eine andere Gewichtung bekommen als ein Banner-Link (oder gar Banner-View) an ebendieser Stelle.

    Hinsichtlich der Schwächen kann ich nur sagen, dass unsere Lösung (von DC Storm) sowohl Analysen als auch Importe von externen Daten erlaubt.
    Dies gilt neben dem Import von Retouren, Deckungsbeiträgen, Warenbeständen, Kosten auch z.B. für TV-Werbezeiten, um anschließend User die während der Spots über z.B. direkt und/oder Brand Terms speziell dieser Trafficquelle zuzuordnen.

    Hinsichtlich der Fußnoten möchte ich erwähnen, dass es natürlich auch die Möglichkeit gibt spezielle Traffic Quellen (von mir aus direkt oder brand terms) mit Null zu gewichten (wenn der Kunde es wünscht) und Dank der API zu den Suchmaschinen werden natürlich auch die Impressions von Keywords erfasst und bei der Customer Journey berücksichtigt.

    Sie dürfen sich gerne unsere Lösung mal anschauen.

    Freundliche Grüße,
    Jens Maurer

  2. Heiko Vosberg schrieb am 25. Januar 2012:

    Hallo Herr Maurer,

    danke für die freundlichen Worte.
    Das Aufgreifen der üblichen Device- und Cookieprobleme ist natürlich der üblichen Vertriebsübertreibung geschuldet. Bei einer CUSTOMER Journey steht naturgemäß der Mensch im Zentrum der Betrachtung, nicht sein Endgerät.
    Aber ich lasse mir gerne zeigen, wie Sie über die Google-Schnittstelle abgreifen, welcher User (also Eigentümer welcher Ihrer Cookie-IDs) zu welcher Uhrzeit welche SEM-Einblendung gesehen hat.
    Ohne diese Daten wird es wohl sehr schwer, den SEM-View in den Werbemittel-Pfad der Nutzer einzubauen.

    Schöne Grüße
    heiko vosberg

  3. Tino schrieb am 28. Januar 2012:

    hallo, ist es möglich mit google analytics die einzelnen touchpoints eines Sales anzusehen oder zumindest den ersten? Leider ist Last c. wins voreingestellt.

  4. Nicolas Diefenbach schrieb am 30. Januar 2012:

    Moin Tino,

    sowohl als auch! Die aktuelle GoogleAnalytics-Version bietet beide Optionen in den “Multi-Channel Funnels”-Reports (im “Conversions”-Bereich).

    Google dazu: https://support.google.com/analytics/bin/answer.py?hl=en&utm_id=ad&answer=1191180

    Mit freundlichen Grüßen
    nicolas diefenbach

  5. Customer Journey | WebAnalytics_at | Scoop.it schrieb am 5. Februar 2012:

    [...] background-position: 50% 0px; background-color:#222222; background-repeat : no-repeat; } http://www.smartmetrics.de - Today, 8:52 [...]

Einen Kommentar hinterlassen: