Web Analytics Association in der Kritik: Braucht die Web Analytics in Deutschland eine neue Verbandsstruktur?

In Europa wird die Struktur der Web Analytics Association (WAA) derzeit heftig kritisiert. Der Vorwurf lautet: Der weltweit aktive Verband, der seinen Sitz in den USA hat (Wakefield, MA), gehe zu wenig auf die einzelnen Web-Analytics-Märkte ein. Doch weil diese recht unterschiedlich ausgeprägt seien, nutze der globale Ansatz des WAA seinen europäischen Mitgliedern zu wenig.

Was tun? Den WAA verlassen und einem lokalen Verband beitreten? Das ist keine Lösung - erstens, weil der weltweite Austausch wichtig ist, und zweitens, weil die WAA mit Board-Mitgliedern wie Jim Sterne und Bryan Eisenberg für eine hohe Informationsqualität steht. Und wie wäre es mit einem Beitritt in einen zweiten, dann lokalen Verband? Das kommt für viele aus Kostengründen nicht in Frage.

Deshalb fordern europäische Mitglieder von der WAA eine Mischung aus beidem: Sie wollen, dass sie mehr lokale Strukturen einführt und als eine Art übergeordnetes Community Center agiert. Sie möchten, dass die Mitgliedsbeiträge wieder an die Länder zurückfließen, in denen sie gezahlt wurden. Denn viele bemängeln, dass sie zwar satte Beiträge an die WAA abführen - sie und ihr lokaler Markt aber kaum davon profitieren.

In seinem sehr lesenswerten Beitrag fasst Miles Bennett, Gründer des Web-Analytics-Unternehmens Targetstone, UK, die schwierige Lage in einem Blogbeitrag  “Web Analytics Association - is it relevant for Europe?” zusammen. Er schildert die mühsamen Diskussionen mit dem WAA und nennt Beispiele, wie eine Realisierung funktionieren könnte. Wie etwa in Spanien: Dort schloss sich der lokale WA-Verband mit dem WAA zusammen und behielt seine lokalen Strukturen. Vom finnischen WA-Unternehmen Kwantic stammt der Vorschlag, man könnte doch eine lokale WAA als Non-Profit-Franchise-System aufbauen, die dann einen Teil der Mitgliedseinnahmen an die globale WAA abführt, um zum Beispiel Studien für alle durchführen zu können.

Wie sieht die Situation in Deutschland aus? Um ehrlich zu sein. Ich bin alles andere als zufrieden mit der hiesigen Verbandslandschaft rundum die Web Analytics. So ist die BVDW-Arbeitsgruppe “Erfolgskontrolle” praktisch nur als Taskforce existent. Hier sind wir zur Zeit zwei bis drei aktive Mitglieder, die auf Zuruf von den Fachgruppen Themen der Web Analytics bearbeiten. Das Problem ist jedoch nicht der Verband, sondern die mangelnde Bereitschaft Informationen auszutauschen und aktiv mitzuarbeiten. Die WAA Deutschland veranstaltet die WAA Wednesdays in regelmäßigen Abständen. Ansonsten trifft man sich einmal im Jahr zur eMetrics Summit in München. Selbst eine Zusammenarbeit der beiden Verbände BVDW und WAA, damals initiert vom BVDW, war gescheitert.

Ich persönlich sehe derzeitig keinen hohen Nutzwert in einer Mitgliedschaft in der WAA in Deutschland. Nationale Themen werden kaum betrachtet - wie zum Beispiel das Thema Datenschutz. Nützliche Informationen im Bereich Web Analytics bekommt man derzeit in Blogs oder per Twitter - ohne Verbandsbeiträge und meistens sogar deutlich schneller.

Wie Input erhalten, wenn alle zum Schweigen verdonnert sind? Jeder wünscht sich die Konversionszahlen auf Branchen oder Märkte bezogen, doch jeder hütet diese Zahlen wie ein Staatsgeheimnis. Das kommt in Deutschland einem Preisgeben von Firmengeheimnissen gleich - zu erkennen an den zahlreichen “belanglosen” Case Studies und Präsentationen auf den verschiedenen Veranstaltungen. Die Beratungsunternehmen könnten hier theoretisch Zahlen anonym bereitstellen, dürfen aber die Daten ihrer Kunden nicht verwenden. Und Anwender dürfen sich vielfach nicht konkret äußern. Beispiele für Konversionssteigerungen durch Optimierungsprozesse müssen derartig verfremdet werden, dass die wertvollen Lerninhalte häufig auf der Strecke bleiben.

Wie Input erhalten, wenn alle nur lesen wollen, aber keiner schreiben? Auch auf Portalen wie Xing oder LinkedIn gibt es eine Reihe von Gruppen, die sich mit Web Analytics befassen. Allen diesen Gruppen mangelt es überraschenderweise nicht an Mitgliedern, sehr wohl aber an qualitativ hochwertigem Inhalt. Die Fragen und Beiträge sind eher beiläufiger Natur. Echte fachliche Diskussionen mit Tiefgang findet man sehr selten.

Brauchen wir einen lokalen Verband? Es gibt die WAA Deutschland und den BVDW, Web Analytiker können sich also durchaus engagieren. Aber selbst wenn die WAA Deutschland mit ausreichenden wirtschaftlichen Mitteln für die Verbandsarbeit ausgestattet wäre - es fehlten immer noch Aktiv, die hieraus wertvolles Gestalten, oder?

Wir brauchen engagierte Mitmenschen, die das Thema Web Analytics nach vorne tragen. Das sollten nicht immer die Gleichen sein. Insofern danke ich alle engagierten Referenten, Blogger und Twitterer, die unermüdlich wertvolle Inhalte ins Web stellen.

Ich freue mich auf Ihr Feedback - vor allem auch von den WAA-Vertretern.


am 10. Februar 2010 unter Markt
2 Kommentare


Kommentare:

  1. Mario Casarano schrieb am 10. Februar 2010:

    Gute Abend Herr Brommund,

    ich bin in keinem Verband, trotzdem Feedback.

    Letztes Jahr nach der emetrics haben Timo Aden und Patrick Ludolph auch über eine Mitgliedschaft in der WAA gesprochen und darin keine Vorteile gesehen.

    Letztes Jahr sind ja die WAALA erst ins rollen gekommen. Unabhängig von der Verbandsmitgliedschaft gab es Web Analytics Wednesdays in Hamburg und auch das Web Analytics Fachforum. Mir scheint, das es seine Zeit braucht und ich konnte über Blogs, Wednesdays und diese Veranstaltungen viel mitnehmen.

    Eine Diskussion kommt bei Blogs selten zustande. Ich denke mit einer Onlinebefragung kann man da mehr erreichen. Eine 5 Minütige Umfrage zum Thema Datenschutz oder so und auf allen namenhaften Web-Analytics-Blogs eine Einladung zur Befragung. Das Ergebnis wird dann wieder an alle verteilt und den Interessierten zurückgespielt. So könnte man ohne regionale Strukturen eine aktive Beteiligung und Meinung von vielen bekommen.

    Ich erkläre mich bereit, alles auszuwerten, zusammenzufassen und ein PDF und/oder eine Powerpoint daraus zu machen.

    Viele Grüße

    Mario Casarano

  2. Thomas Brommund schrieb am 11. Februar 2010:

    Hallo Herr Casarano,

    vielen Dank für Ihren Kommentar und weiteren Einsatz.

    Ihr Einsatz zeigt, worum es eigentlich geht - um Engagement in der Sache und Interesse am Austausch und dafür muss man in der Tat nicht in einem Verband sein.

    Ihrem Kommentar entnehme ich, dass Sie verschiedene Aktivitäten erst seit kurzem wahrnehmen, aber viele sind schon seit Jahren vorhanden:

    • Die WAALA ist von Herrn Haberich zur emetrics 2009 ins Leben gerufen worden, ist eine löbliche Neufassung des WAA Wednesdays.
    • Auch das Web Analytics Fachforum ist 2009 bereits zum zweiten Mal veranstaltet worden.
    • Die eMetrics als Fachkongress findet in Deutschland bereits zum 4ten Mal statt.
    • Im Verband (BVDW) arbeite ich, früher aktiver als heute, nun auch schon fast 4 Jahre.

    Es gab also auch früher schon viele Möglichkeiten, sich aktiv zu beteiligen.
    Das, was ich mir wünsche, sind mehr Aktive in unserem Segment - wie Sie.
    Für die Realisierung der Umfrage stelle ich mich gerne zur Verfügung und werde sie mit Sicherheit auf diesem Blog einstellen.

    Gruss
    Thomas Brommund

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